Kulturmitte – Dein „abgefahrenstes“ Silvestererlebnis?

4 01 2017

„Was war Dein unvergesslichstes Silvester?“ Eine Frage, die am Neujahrstag plötzlich bei mir aufleuchtete, nachdem wir nach langer Zeit wieder einmal einen Silvesterabend in vertrauter Zweisamkeit verbrachten. Eigentlich, so mein Gedanke, müsste ich mir die ganzen Silvester- und Neujahrstage meines bisherigen bewussten Lebens noch einmal in Erinnerung rufen, um dann die „highlightigsten“ für mich auszuzeichnen.

"Abgefahren" an Silvester 1996 in Tokio

„Abgefahren“ an Silvester 1996 in Tokio

Was war Dein highlightigstes Silvester bisher?

Gesagt, getan! Das Ergebnis: die meisten Feiern verbrachte ich in kleiner Runde, gemütlich am Tisch sitzend bei Raclette oder Fondue und um Mitternacht das Feuerwerk bewundernd. Einige Male, aber eher selten, war ich auch aktiv pyrotechnisch unterwegs.

Manchmal schloss sich an das Feuerwerk draußen drinnen in der warmen Stube noch eine frühmorgendliche gute Gesprächsrunde an – aber genauso oft hatte ich einfach zu viel getrunken und dementsprechend begann das neue Jahr später am Tag und in grauer, von Böllerresten verschmutzter Umgebung.

Wolfsburg und Hallig Oland

Einige „besondere“ Silvesterabende waren:

  • mein erstes Silvester hier in Wolfsburg, als ich von Grippe und den Renovierungsarbeiten in der neuen Wohnung schwer gezeichnet, schon weit vor Mitternacht erschöpft ins Bett fiel und das später rumpelnde Feuerwerk draußen nur noch als ganz weit entfernten Schall wahrnahm
  • ein Aufenthalt auf Hallig Oland, wo wir das neue Jahr gemeinsam mit ca. „4“ weiteren Halligbewohnern auf dem Deich begrüßten.

War ich an meinen ersten Silvesterabend hier in Wolfsburg aus den genannten Gründen unfähig, irgendetwas zu veranstalten, so wäre es auf Hallig Oland gar nicht möglich gewesen, aktiv zu werden. Es war da einfach nichts! Täglich einmal  bei Kälte, Wind und Schnee um die Hallig laufen, dauerte 1 Stunde und deckte meinen Fitnessbedarf voll und ganz.  Aber genau so hatten wir es damals auch gewollt!

Das Bibliothesteam im Goethe-Institut 1996: Frau Klauser, Frau Kano, Herr Yoshitsugo und ich, der Praktikant

Das Bibliotheksteam im Goethe-Institut 1996: Frau Klauser, Frau Machida, Herr Yoshitsugo und ich, der Praktikant

Tokio, sein U-Bahn-Netz, das Goethe-Institut und mein neues Zuhause

Mein bisher „abgefahrenstes“ Silvester  erlebte ich 1996 in Tokio, wohin ich meinen „Lebensmittelpunkt“ damals für 9 Monate verlegt hatte, um u.a. auch im Informationszentrum des Goethe-Instituts ein Praktikum zu absolvieren. Ich kann nicht mehr genau rekonstruieren, was der Auslöser war, glaube aber, dass die folgende Aktion dadurch ins Rollen kam, dass mein Tag sowieso schon von 2 Stunden Zug fahren geprägt war: morgens 1 Stunde mit der Bahn hin zum Goethe-Institut in Akasaka und abends dann dieselbe Strecke wieder zurück nach Hause.

Schön übersichtlich: Tokios U-Bahn-Netz

Schön übersichtlich: Tokios U-Bahn-Netz (Quelle: Wikipedia)

Das Goethe-Institut liegt mitten in Tokio unweit der kanadischen Botschaft und des Kaiser-Palastes und mein damaliges Zuhause war ein kleines  1-Zimmer Apartment in Yabe / Sagamihara-shi in der Kanagawa-Präfektur.

Für den täglichen Arbeitsweg und darüber hinaus besaß ich ein Monatsticket und irgendwann muss mir die Strecke  Yabe – Akasaka wohl zu eintönig geworden sein. Ich wollte mehr, mehr von Tokios U-Bahn-Netz!

Das Monatsticket gab es her und da am  31. Dezember 1996 eh nichts anderes anlag, entschloss ich mich, mal das gesamte U-Bahn-Netz Tokios abzufahren.

Ja, ihr habt richtig gehört: ich wollte das gesamte U-Bahn-Netz Tokios „abfahren!“ Vielleicht nicht jeden Halt und jede Station nachhaltig verinnerlichen, aber doch so, dass ich ein Gefühl für die Umrisse des Netzes bekäme – so hätte ich mein Ziel damals formuliert!

Ein bestechender Gedanke! Damals auf jeden Fall! Heute kann ich darüber wirklich nur lachen. Tokio ist mit seinen fast 10 Millionen Einwohnern  so unendlich riesig, also über 3 Mal so groß wie Berlin, wie sollte man da das gesamte U- Bahn-Netz  an einem Tag durchfahren können. Und ich würde noch ergänzen: warum sollte man das überhaupt wollen?

Neujahr in Shin-Kiba - gerade noch rechtzeitig! 

Am 31. Dezember 1996 startete ich mittags gegen 13 oder 14 Uhr, was für das vor mir liegende Event auf jeden Fall zu spät war. Dann fuhr und fuhr ich, was das Zeug hielt. Die Stationsschilder, an denen ich um- oder ausstieg, dokumentierte ich mit der Kamera: Akebonobashi, Ogawamachi, Ichigayanakonocho, Waseda, Jinboucho….

Viel mehr als dass ich fuhr, um-, aus- und wieder einstieg, kann ich aus der Distanz von 20 Jahren gar nicht mehr sagen. Was ich aber gestehen muss: ich habe mein Ziel leider nicht erreicht! Natürlich nicht!

Keine Ahnung, wieviel Prozent des gesamten Streckennetzes ich überhaupt schaffte. Kurz vor Mitternacht erreichte ich die Station Shin-Kiba, die auf einer künstlichen Insel am Nordrand der Bucht von Tokio liegt. Und da stieg ich angesichts der fortgeschrittenen Zeit aus. Die Bahnsteige und der Bahnhof waren fast wie leer gefegt.  Als ich gerade den Bahnhofsvorplatz erreichte, ging das Feuerwerk richtig los.

Und da stand ich nun, allein im dunklen Shin-Kiba, was soviel wie „neues Holzlager“ heißt und hatte das Silvesterfeuerwerk ganz für mich allein. Das hatte ich mir nach der Fahrerei aber auch verdient, zumindest bildete ich mir das ein.

Irgendwann nach Mitternacht machte ich mich dann vollkommen entspannt auf den Nachhauseweg. Vielleicht nutzte ich die direkte Verbindung, vielleicht fuhr ich aber auch noch einen Schlenker durch das nächtliche Tokioter U-Bahn-Netz…Wer weiß!?

Was ist Euer schönstes Silvester bisher? Schreibt es doch unten in die Kommentare! 

Uwe Nüstedt


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2 responses

5 01 2017
Wolfsburger

Hallo,

dein Silvesterabend in Tokio ist definitiv was sehr außergewöhnliches 🙂 So ganz allein durch die Nacht das U-Bahn-Netz von Tokio erkunden:-) Aber ich habe gerade Bilder vor Augen wie sich das anfühlen könnte bzw. wie so etwas wohl ist und ich weiß nicht wieso, würde es aber auch irgendwie spannend finden. Danke für Deinen tollen Bericht!

Viele Grüße aus Wolfsburg

6 01 2017
Stadtbibliothek Wolfsburg

Vielen Dank! Es ist definitiv spannend, sich in Tokio mal in die Anonymität zu flüchten, ob nun in der U-Bahn oder im Menschengedränge auf der Straße. Sollte man mal erfahren haben! Ist vielleicht auch eine Altersfrage: besser man hat das bis 30 mal erfahren. Ist meine Erfahrung zumindest! Viele Grüße Uwe

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