Kulturmitte – „Toni Erdmann“ – Lange Einstellungen für große Charaktere

17 08 2016

Man müsste Zeit mitbringen, hörte ich von einem Freund. 3 Stunden Filmdauer! Doppelt so viel, wie das gewohnte 90 Minuten-Spielfilm-Format. Ein Film mit Überlänge also dieser „Toni Erdmann“. Wenn sich das ein Regisseur leisten kann, seine Message nicht innerhalb von Standard-90 Minuten rüberbringen zu müssen, dachte ich, dann müsste der Film automatisch auch eine Menge Substanz haben. Hat er auch, das mal im Voraus!

Toni Erdmann - der Film

Toni Erdmann – der Film

Prämierte Überlänge

Was ich sonst noch gehört hatte: „in Cannes prämiert“, „Endlich mal wieder ein deutscher Film, der im Fokus internationalen Interesses steht“,  „tolle Regisseurin (Maren Ade) und großartige Schauspieler in den Hauptrollen (Sandra Hüller und Peter Simonischek)“.

Auch wenn der Film sehr lang ist, sein Inhalt ist relativ schnell erklärt: Winfried Conradi (Peter Simonischek), ein etwas schräger pensionierter Musiklehrer aus einer deutschen Kleinstadt, besucht ganz überraschend seine Tochter Ines (Sandra Hüller) in Bukarest. Hier ist die sehr erfolgreiche Unternehmensberaterin gerade mit komplizierten betriebswirtschaftlichen Problemstellungen, Top-Terminen und Karrierezielen sehr beschäftigt. Ines steht dauernd unter Strom und gerade als ihr Vater in Bukarest auftaucht, geht es um den letzten Schliff an einem ganz besonders wichtigen Konzept für ein ganz besonders wichtiges Unternehmen, das sehr wichtige Meetings mit ganz besonders wichtigen Vorständen erforderlich macht…Man kennt das ja.

Machen wir das Beste daraus!

Selbst der kleinste Fehler im Umgang mit den Vorständen und Managern dieses Konzerns stellt das Konzept in Frage und dieses Fragezeichen wird immer größer, als plötzlich Vater Winfried mit Sonnenbrille und künstlichem Gebiss getarnt, ein Managertreffen seiner Tochter streift.

Nun ist der Vater einmal da und man muss das Beste daraus machen. Ines versucht den Vater kontrolliert in ihr Managerdasein einzubauen. „Du kannst gern zu dem Empfang mit dem Botschafter dazukommen. Wenn wir hinterher allerdings noch was trinken gehen, verabschiedest Du Dich bitte höflich und sagst, dass Du müde bist“. Das geht natürlich gründlich schief, wie man sich denken kann.

Vater Winfried lässt in der Folge keine Gelegenheit aus, seine Tochter zu blamieren. – Schnitt-  Dann steht das Taxi zur Abreise für den Vater bereit. Man sieht den Vater winken und die Tochter kurz und heftig weinen. Dass das angesichts von 3 Stunden Filmdauer nicht das Ende sein kann, war klar!

Man muss nur die Strategie ändern

Und ab da gehts auch erst so richtig los: Vater Conradi kehrt in Tochter Conradis Leben zuück. Diesmal mit angepasster Strategie. Wieder mit künstlichen Frontzähnen und Vokuhila-Perücke getarnt, dringt er in des Töchterchens After-Work-Business-Kreise ein, wo er sich – das ist die Strategie – als Business-Coach, in einem Anflug von Leichtsinnigkeit später sogar als „german ambassador“ (deutscher Botschafter) – ausgibt.

Business- und Consultant-Coach?

Business- und Consultant-Coach?

Zu diesem Zeitpunkt meldete sich meine innere Uhr mit drängenden Fragen. Wie würde der Film jetzt weitergehen? Würde es ein Happyend geben oder nicht? Und wenn ja, wie könnte es aussehen? Der über lange Jahre entwickelte Heimatfilm-Dramaturg in mir hatte diesen Vorschlag parat:

„Vater rettet Tochter, die in der Ferne in die Irre läuft, holt sie zurück in die Heimat, wo sie ihre Businesskompetenzen sinnvoll bei der Rettung eines defizitären Familienunternehmens einsetzen kann. An einer Ecke wartet der langjährig treue aber stets verschmähte Jugendfreund…Und? Und dann läuten die Hochzeitsglocken!

Wohltuend lange Einstellungen

Aber weit gefehlt! Regisseurin Maren Ade nutzt den 3-Stunden-Raum des Films von hier an gründlich aus, die Hauptcharaktere in wohltuend langen Einstellungen weiter zu entwickeln. Und dabei geht’s am Ende nicht um Gut oder Böse, Schwarz oder weiß oder um irgendeine andere hineingeschnittene versteckte Botschaft.

Stattdessen sieht man Vater und Tochter sich weiter aneinander reiben und aneinander wachsen. So, dass die 2 Fragen, die Vater und Tochter sich einmal einander stellen, zum Schluß wie von selbst beantwortet sind: Ines an Winfried: „Und? Hast Du in Deinem Leben noch was vor, außer anderen Leuten ein Furzkissen unterzuschieben?“ Winfried an Ines: „Bist Du überhaupt noch ein Mensch?“ Mehr verrate ich nicht!

Uwe Nüstedt


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2 responses

30 08 2016
rrbd

Die Rezension macht Lust darauf, sich den Film anzusehen

30 08 2016
Stadtbibliothek Wolfsburg

Das freut uns 🙂 Danke!

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