Kulturmitte – wer improvisieren will, muss so einiges im Vorratskeller haben!

3 08 2016

Beim Stichwort Orgelmusik und Orgelkonzert werden die meisten jetzt die folgenden Bilder im Kopf haben: große dunkle und kalte Kirche, viel Nachhall und ein einschüchternder und furchteinflößender Orgelklang, der durchs Kirchenschiff donnert und sich als Klangbrei oder Klangteppich schwer aufs Gemüt legt. Zugegeben – oft ist das auch so und ich kann verstehen, wenn man so etwas nicht mag.

Klischee Orgel

Aber es existieren auch viele Klischees rund um die (Pfeifen-)Orgel! Zum Beispiel grölen die meisten Menschen immer nur ein Stück, wenn sie an Orgelmusik denken und das fängt dann so an: tatata—-tatatata-taaaa-taaa. Bachs berühmte Toccata, das kennen alle und in der Regel wird auch genau dieses Stück als Hintergrundmusik genutzt, wenn man mal einen entsprechenden Abschnitt in einem kleinen selbstgeschnittenen Filmchen mit würdevoller, dunkler und gruseliger Musik illustrieren muss.

Ich spiele ja auch Orgel von Zeit zu Zeit und kenne mich ebenfalls mit den Klischees ganz gut aus. Hinter diesen teils berechtigten Vorbehalten verbirgt sich jedoch ein wirklicher Reichtum sowohl an unterschiedlichen Orgeln und Orgelklängen als auch an Orgel- und Kirchenräumen. Die Pfeifen- oder Kirchenorgel ist ein vielfältiges und wunderbares Instrument. Das steht für mich fest!

Wolfgang Seifen improvisierte

Wolfgang Seifen improvisierte

Und genau so ein Instrument habe ich mir am letzten Sonntag in Königslutter im Rahmen der “7. Internationalen Orgelwochen“ im Dom angehört. Zu dem wunderbaren Instrument kam mit Wolfgang Seifen aus Berlin auch noch ein außergewöhnlicher Organist dazu. Und von wegen tatata—-tatatata-taaaa-taaa…Wolfgang Seifen improvisierte fast 2 Stunden im Stil der Orgelklassiker durch verschiedene Epochen hindurch.

"Die Kunst der Improvisation"

„Die Kunst der Improvisation“

Aber erstmal zur Orgel: das Instrument wurde 1892/93, zur Zeit der „Spätromantik“ vom Orgelbauer Furtwängler und Hammer gebaut und ist besonders geeignet für romantische Orgelmusik. Das heißt: schöne grundtönige und säuselnde Stimmen, klare Flöten und ach…einfach schön! Beeindruckend auch, wenn der Organist die Lautstärke des Orgelklanges mit Hilfe eines Pedaltrittes langsam anschwellen und wieder abschwellen lässt. Romantisch eben, da muss man gar nicht mehr sagen! Das ist wie möglichst gleichmäßig am Radio-Lautstärkeregler lauter und wieder leiser drehen.

Vor einigen Jahren wurde die Orgel in Königslutter gründlich renoviert und begeistert seitdem die Orgelwelt weltweit. Einmal im Jahr treten deshalb auch Organisten aus aller Welt innerhalb „dieser Reihe“ im Dom auf.

Wolfgang Seifen

So viel zur Orgel. Jetzt zum Organisten. Wolfgang Seifen arbeitet an der Universität der Künste Berlin als Improvisationsprofessor und improvisiert auch in seinen zahlreichen Konzerten regelmäßig. Und man muss einfach festhalten: Wolfgang Seifen ist der Improvisator auf der Orgel in Deutschland! Meine Meinung!

Wolfgang Seifen

Wolfgang Seifen

Dass Musik improvisiert wird, ist bestens bekannt. Jazzmusik und viele viele andere Musik wird natürlich aus dem Moment heraus gespielt und keiner stiert da auf seine Noten, weil er ohne nicht weiß, was er spielen soll. Die Improvisation auf der Orgel ist eher wenig bekannt, wobei es gerade hier eine lange Tradition gibt. So war Improvisieren für Organisten zur Barockzeit gang und gäbe und auch heute improvisieren die Kirchenmusiker natürlich während der Gottesdienste und Messen.

Orgel und Improvisation

In einer kurzen Einleitung vor dem Konzert sagte Wolfgang Seifen: „Improvisierte Musik ist spontan erfunden und weder ich noch Sie als Publikum wissen, was als nächstes kommt!“ „Und nachdem sie gespielt wurde, ist die Musik unwiederbringlich weg!“

Drei Blöcke hatte Seifens Programm: die erste Improvisation war im hochbarocken Stil, der zweite Block im Stil der Romantik und die dritte Improvisation hatte die Form einer Orgelsinfonie, die von der wuchtigen Anlage her wie eine große Sinfonie eines riesigen Orchesters im Konzertsaal wirkte.

Ein ausschließlich improvisiertes Programm

Ein ausschließlich improvisiertes Programm

Schon mit dem ersten Beitrag wurde deutlich, dass Improvisieren nicht einfach nur Fantasieren heißt. So merkte man den Improvisationen von Wolfgang Seifen gar nicht an, dass sie nicht komponiert waren. Es klang alles so, als würde da nicht einer aus dem Moment heraus Musik erfinden, sondern etwas Komponiertes vom Blatt abspielen. So perfekt und makellos!

Dass Seifens Improvisationen wie komponiert wirkten, hatte damit zu tun, dass der Organist nicht einfach nur Motive und Melodien erfand und Harmonie an Harmonie setzte, sondern das alles in eine Formsprache, einen musikalischen Sprachstil goß. Und diese äußere Form,- ob nun Barock-, Romantik oder Sinfonischer Stil – beherrschte der Künstler so souverän, dass er bestimmt auch spontan auf Zuruf von der einen in die andere Stilform hätte wechseln könnte. Einfach nur fantastisch!

Claus-Eduard Hecker, verantwortlicher Landeskirchenmusikdirektor aus Braunschweig, hatte denn auch in seiner Publikumsbegrüßung ein passendes Bild parat: „Improvisieren ist wie wenn unerwarteter Besuch kommt und man schnell nachsehen muss, was im im Vorratskeller noch an Speisen und Getränken da ist.“

Was man im Vorratskeller haben sollte!

Um beim Improvisieren zu bleiben: wenn da nur noch ein Glas Gurken und Käse im Vorratskeller sind, hilft selbst die größte Fantasie nicht. Aus diesem Vorrat wird kein 3 Gänge-Menü, mit viel Fantasie vielleicht eine herzhafte Kleinigkeit zum Aperitif.

Überträgt man dieses Bild auf die musikalischen Fähigkeiten Wolfgang Seifens, so heißt das: Wolfgang Seifens Vorratskeller ist immer prall gefüllt mit den besten Speisen und Zutaten, mit denen der Starkoch jederzeit die erlesensten Gerichte des gesamten Erdballs zubereiten kann.

Mit einer Zugabe, einer Improvisation über „Guten Abend, gute Nacht“ beendete Wolfgang Seifen den Abend. Ich hätte noch stundenlang zuhören können, ganz ehrlich!

Das nächste Konzert – zwar nicht ganz in der Nähe – aber bestimmt interessant: am Sonntag, 4. September, 18 Uhr in der Christuskirche in Bremerhaven. Hier wird Seifen zum Stummfilm „Metropolis“ von Fritz Lang improvisieren.

Uwe Nüstedt


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