Kulturmitte: Kerkelings „Hurz“ wurde 25 – und ich war dabei!

22 06 2016

Da war ich ganz schön baff, als ich Ende Mai eine Mail von Kreiszeitungs-Redakteur Eike Nienaber bekam. Die Kreiszeitung ist eine regionale Tageszeitung „vor den Toren Bremens“, für die ich früher als freier Mitarbeiter über Kulturveranstaltungen (meistens Musik) berichtete. Das ist lange her und war zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Und das schrieb mir Herr Nienaber: „…Ich hoffe, dass ich richtig in der Annahme gehe, dass Sie der Uwe Nüstedt sind, welcher als Redakteur der Kreiszeitung im Juni 1991 dem legendären Hurz-Konzert von Hape Kerkeling im Stuhrer Ratssaal vor Ort waren.“

Beweisfoto: hinten in der Ecke, der Dunkle, das bin ich!

Beweisfoto: hinten in der Ecke, der Dunkle, das bin ich und rechts daneben der Kollege vom Weser-Kurier!

Die Annahme war richtig und in dem folgenden Telefongespräch durfte ich Herrn Nienaber berichten, wie ich den Auftritt des polnischen Startenors Pjotr Stianek im Stuhrer Rathaussaal (eine Gemeinde im Süden Bremens) am Samstag, 15. Juni 1991 erlebte.

Doch erstmal war ich ganz schön geschockt: „… [Ich / Herr Nienaber] würde gern mit einem kleinen Artikel an das Ereignis erinnern, welches ja ganz bald sein 25stes feiert.“ Für einen längeren Moment war mir wirklich nicht klar, was mich mehr gefangen nahm: die Erinnerung an Hape Kerkeling alias Piotr Stianek und daran, dabei gewesen zu sein oder die Tatsache, dass da in der Mail schwarz auf weiß etwas von 25 Jahren stand. Herr Nienaber hatte es mit seiner Mail jetzt auf den Punkt gebracht: zwischen dem Hurz und dem Heute liegen 25 Jahre, was auch bedeutete, dass eine fremde Macht ein Viertel Jahrhundert Zeit aus meinem Leben geknabbert hatte.

Das, was man heute von „Hurz“ auf Youtube sehen kann – es sind mal längere und mal kürzere Filmchen – verschweigt, dass der rund 15 minütige Beitrag von Startenor Piotr Stianek und seinem Begleiter am Klavier Miroslav Lemm (Achim Hagemann) damals gar nicht auf dem Programm stand. Vielmehr ging es um ein Konzert im Rahmen der Reihe „Europhonie“, das meiner Erinnerung nach jungen begabten europäischen Instrumentalisten eine Bühne geben sollte. Zumindest an den ersten Beitrag kann ich mich noch dunkel erinnern, allerdings nicht mehr an die Künstler und an das Stück, was da vorgetragen wurde. Nach diesem Programmpunkt dann die Überraschung: der damals sehr bekannte Radio-Bremen-Fernsehmoderator Jürgen Koch kam in den Ratssaal und kündigte eine spontane Programmänderung an. Und das ungefähr so: „Wir sind besonders froh, dass wir Ihnen spontan den gerade in der Region anwesenden berühmten europäischen Nachwuchskünstler Piotr Stianek aus Polen vorstellen dürfen.“ Das geplante Programm sollte sich nur etwas nach hinten verschieben.

Das war tatsächlich mal was Anderes und für irgendwas musste das aufgebaute TV-Equipment, bestehend aus Kameras und Beleuchtungs-Spots, ja schließlich gut sein.

Mein Kollege vom Weser-Kurier und ich hatten im Ratssaal zwei Plätze in der hinteren Ecke eingenommen und waren genauso irritiert wie die anderen auch, als Hape Kerkeling zu diffus dahin wabernden Tonclustern im Klavier zu rezitieren begann: „Der Wolf…., das Lamm….auf der grünen Wiese….HURZ!!“ Wir waren aber auch genauso unsicher wie sie, zu beurteilen, ob es sich dabei  um einen Fake handelt oder nicht, denn wer öfter mal über Konzerte mit zeitgenössischer Musik berichtete, der hatte folgenden Merksatz immer parat: sei vorsichtig und zurückhaltend mit vorschnellen Urteilen über Klänge, die du nicht sofort einordnen kannst! Und so ging es uns auch. Allerdings hatte ich ziemlich bald Hape Kerkeling hinter der wuchtigen Perücke und dem Bart erkannt. Und das lag daran, dass Hape damals mit seinem Radio-Bremen-TV-Format „Total normal“ der absolute Straßenfeger nicht nur im Bremer Umland (aber da ganz besonders) war.

Was nach dem musikalischen Vortrag folgte, kennt jeder: es wurde eifrig diskutiert darüber, was zeitgenössische Musik ist…und was daran klassisch sein soll…und wer das überhaupt beurteilen kann…und ob es am fehlenden Intellekt liegen könnte, wenn einem der Vortrag nicht gefällt…


Als die beiden zeitgenössischen Künstler nach ihrem Vortrag gemeinsam mit Jürgen Koch den Ratssaal zur Pause verließen, folgte ich ihnen in den Backstagebereich, weil ich glaubte, ich könnte sie da unverkleidet und gesprächsbereit erwischen und befragen. Aber weit gefehlt! Die beiden lehnten leicht sitzend und in voller Montur auf einem Tisch und lächelten mich nur milde an. Da half auch kein direktes Nachfragen, allenfalls gab es mal ein Nicken oder Kopfschütteln, sodass ich unverrichteter Dinge abzog. Als dann der zweite reguläre Teil des Konzertes mit der „Europhonie“ fortgesetzt wurde, zogen Kerkeling und Hagemann mit Jürgen Koch auf leisen Sohlen wieder ab und mein Kollege und ich überlegten, wie wir dieses Ereignis denn nun journalistisch aufbereiten sollen!? Wir entscheiden und dann für einen Infokasten inmitten des Artikels über „das europhonische Rahmenprogramm“. So machte man das damals – vor 25 Jahren!

Uwe Nüstedt


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4 responses

22 06 2016
dirk

und jetzt?

22 06 2016
Stadtbibliothek Wolfsburg

„Maybe we could repeat…“

22 06 2016
offenercomputertreff

Da kann man Sie nur beglückwünschen bei dieser „Sternstunde“ dabei gewesen zu sein! Humor ist ja – wenn man denn so will – wenn man trotzdem lacht 🙂

22 06 2016
Hans

Hammer!! :-))

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