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26 05 2011




Friede und Verbundenheit (Jubiläum 2011) – Nachbetrachtungen

26 05 2011

Zur 10. Folge präsentierten Stadtbibliothek und International Partnership Initiative dem Publikum noch einmal ihre Highlights: „The best of Geist und Gehirn 2002 – 2010“. Darunter international bekannte Wissenschaftler wie Quantenphysiker Hans-Peter DÜRR (Träger des alternativen Nobelpreises); Gehirnforscher Gerald HÜTHER (bekannt aus Fernsehdiskussionen und Nachrichtenmagazinen); Biophilosoph Eckart VOLAND, (vertritt die Evolutionäre Erkenntnistheorie in allen Medien); Wirtschaftsethiker Walther ZIMMERLI, als Gründungspräsident der AutoUni immer noch eng mit Wolfsburg verbunden; Tiefenpsychologe und Musikforscher Jochen HINZ; und nicht zuletzt Markus BRÜDERLIN, Kunstvermittler und Direktor des weltberühmten Wolfsburger Kunstmuseums.

Es strömten so viele Zuhörer in den neu renovierten Hörsaal des Aalto-Hauses, dass einige auf den Treppenstufen sitzen mussten. Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Peter Dürr, der berühmte alte Herr der Quantenphysik, wurde mit Begeisterung empfangen und erhielt immer wieder spontanen Zwischenapplaus. „Es gibt gar keine Materie“, verkündete er dem Publikum. Das war die revolutionäre Erkenntnis der Quantenphysik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die einen Brückenschlag zwischen Wissenschaften und Religionen ermöglicht. Leider wird sie in der materialistischen Wissenschaft immer noch nicht zur Kenntnis genommen.

In Wirklichkeit ist das Ding ein Prozess, das Teilchen ist ein Passierchen. Der Sinn liegt nicht in der Materie, sondern in ihrer Anordnung. Wirklichkeit basiert auf einem Beziehungsgefüge unterhalb der Atomebene. Es gibt keine Teilchen, nur Wellen, die das ganze Universum durchdringen. Wir alle sind durch sie mit allem verbunden und nicht lokalisiert im Hörsaal. Warum aber tut die Schöpfung so, als wären wir getrennt voneinander? Durch unsere rationale Kultur verstoßen wir uns selbst aus dem Organismus des Lebendigen und verbarrikadieren uns den Weg zur Teilhabe. Die Intuition ist viel reicher als die Reflektion. „Wir alle sind durch Liebe verbunden, nicht durch Geist“, ist die Botschaft des Achtzigjährigen.

Prof. Dr. Jochen Hinz wagte eine mutige Denk-Akrobatik, indem er die vier Ursachensysteme des Aristoteles (causae materialis, formalis, efficies und finalis) in das Bewusstseinsmodell von C. G. Jung einbaute. Danach besteht die menschliche Psyche aus verschiedenen Bewusstseinsschichten: Ganz unten liegt das kollektive Unbewusste, darüber das persönlich Vergessene, darüber das wache Bewusstsein und ganz oben das handelnde Ich. Die Zukunft ist offen und besteht aus unendlich vielen Möglichkeiten. Indem das Individuum eine auswählt, konstelliert es Wirklichkeit. Das ist eine freie Entscheidung. Im Bewusstsein bestehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nebeneinander in feldhaften Überlappungen. Das individuelle Bewusstsein ist immer mit dem kollektiven Bewusstsein verbunden.

Weitere Massen waren gekommen, um den charismatischen Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther zu erleben. Er bezeichnete das Gehirn ein soziales Konstrukt. Nicht die Genetik ist entscheidend, sagte er, sondern der äußere Einfluss. Bei gleicher Veranlagung entwickeln Kinder am Amazonas eine völlig andere Persönlichkeit als in Wolfsburg. Schon im Mutterleib machen wir die wesentliche Erfahrung von Verbundenheit und Wachstum. Wir sind aufs Engste mit einer anderen Person verbunden, während wir wachsen. Diese beiden Sehnsüchte bleiben auch nach der Geburt bestehen: Wir brauchen Nähe und Freiheit, wollen dazugehören und autonom sein. Wer das Bedürfnis nach Liebe und Wachstum nicht befriedigen und seine Potenziale nicht entfalten kann, greift nach Ersatzbefriedigungen wie Fernsehen, Süßigkeiten, Computerspiele oder Macht. Unglückliche Menschen ver-fallen der Manipulation durch Wirtschaft und Werbung, die ihnen jede Menge Ersatz bieten. Wir brauchen eine neue Beziehungskultur, gibt uns Hüther mit auf den Weg. Jeder einzelne Mensch sollte gebraucht werden und nach seinen Fähigkeiten dazu beitragen können, die Welt lebenswert zu machen.

Prof. Dr. Eckart Voland betonte die Bedeutung der Verbundenheit für die Evolution. Für ihn besteht sie in der Kommunikation der Neuronen. Allerdings gebe es keine Höherentwicklung, sondern nur eine Komplexitätszunahme. Selbstbewusstsein und Intelligenz bezeichnet er als Nebenwirkung der sozialen Evolution, ein Überflussphä-nomen bei Primaten. Fremdverstehen sei jedoch wichtiger als Selbsterkenntnis. Dazu benötigt man Empathie und muss das Verhalten anderer vorausahnen können.

Ohne Prof. Dr. Dphil h.c. Walther Zimmerli kann „Geist und Gehirn“ gar nicht mehr gedacht werden. Er zeigt jedes Mal neue Zukunftsperspektiven auf und behält immer Recht mit seinen scharfsinnigen Analysen. Diesmal wies er auf die Gefahr des ge-sellschaftlichen Friedens durch die Technikentwicklung hin. Mit zunehmender Tech-nologisierung wird die menschliche Arbeitskraft verdrängt, und der Wert der Arbeit sinkt inflationär. Wir alle sind verantwortlich für die Zukunft, erklärte er. Die Voraus-setzung für verantwortliches Handeln ist jedoch der freie Wille. Eine Konsequenz des freien Willens ist die Schuldfähigkeit und die Autorität, zwischen guten und schlechten Optionen zu unterscheiden.

Während Glaube und Religion aus dem Gefühl der Abhängigkeit resultieren, bedeutet Autonomie Selbstgesetzgebung. Freiheit ist nicht Willkür, sondern das Befolgen von selbst gesetzten Regeln. Das Individuum ist immer selbst verantwortlich für sein Handeln und darf sich nicht auf Institutionen berufen. Das gilt auch für die Technik. Da man hier nie alle Folgen kennen kann, darf man keine unerforschten Prozesse in Gang bringen und nie aus Kosten-Nutzen-Erwägungen auf Sicherheitsvorkehrungen verzichten. Im Bereich der Kernenergie wurde deutlich, wie teuer die Folgen der Unvernunft werden können. Friede den Menschen, die an die Folgen einer zunehmenden Technologisierung denken, wünscht sich Zimmerli.

Die Veranstalter schätzen sich glücklich, jetzt auch Prof. Dr. Markus Brüderlin für die Wissenschaftsreihe gewonnen zu haben. Er erläuterte, dass die Kunst schon seit langem nach einem kollektiven Unbewussten forscht und die Allverbundenheit in der Ästhetik sucht. Künstler suchen eine geeignete Sprache, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Zwischen der Materie, den Menschen und den Objekten ist ein unendlich ausgedehnter Innenbereich. Geist ist der eigentliche Raum der Verbundenheit. Diese ganzheitliche Vorstellung ist uns jedoch verloren gegangen. Um sie wieder herzustellen, setzt Brüderlin auf Entschleunigung.

In einem Zeitalter der Reizüberflutung und Fremdbestimmung durch Technik sollten wir die Langsamkeit wieder entdecken, um weiter zu kommen. Für die Kunstwahrnehmung ist Kontemplation erforderlich, um komplexe Zusammenhänge zu erkennen. Mit Hilfe von Intuition, Empathie und Emotionalität kann man den Sinn über Bilder besser wahrnehmen als über Formeln. – Neben zahlreichen Beispielen aus der Kunst hält Brüderlin auch eine politische Botschaft für uns bereit. Die Chinesen haben sich den westlichen Lebensgewohnheiten und Kapitalmärkten schnell angepasst, erklärt er. Ihr Konsumwille steigt exponential, und die Bedürfnisse explodieren. Nicht mehr die Partei, sondern das Geld regiert in China. Aber Freiheit und Demokratie sind dort abstrakte Begriffe. Dürfen wir ihnen unsere Werte aufzwingen? Er plädiert dafür, denn der Weltfriede steht auf dem Spiel. Bisher hat noch keine Demokratie eine andere Demokratie angegriffen. Diese These gilt es zu verifizieren.

Auch in den Pausen bildeten sich lange Schlangen vor dem Büffet, als sich jeder sein Gratis-Glas Wein abholte. Die Ausstellungseröffnung der Künstlerin Ruthild TILLMANN versank ein wenig im Trubel, als die Gleichstellungsbeauftragte Beate EBELING tapfer gegen den Lärm anzureden versuchte, doch fanden Tillmanns Sandbilder die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Die beiden Wolfsburger Musikschüler Daniel FRIEDRICHKEIT und Christian BISKUP stellten ihre Virtuosität am Klavier erneut unter Beweis.

Birgit Sonnek 24.05.11





Jubiläum GEIST UND GEHIRN 2011: Zimmerli und Brüderlin am 18. Mai

26 05 2011

Wie ist es mit dem Frieden und der Verbundenheit in Technik und Kunst bestellt? Ist Freiheit eine Legitimation der Willkür oder die Verpflichtung zur Selbstregulierung? Um diese Fragen ging es am Mittwochabend im Alvar-Aalto-Kulturhaus. Stadtbibliothek und International Partnership Initiative hatten zur dritten Jubiläumsveranstaltung „Geist und Gehirn“ geladen, und viele Interessierte waren gekommen, um zwei Wolfsburger Ikonen zu erleben: Prof. Dr. Walther Zimmerli, Präsident der TU Cottbus, der sich als Gründungspräsident der AutoUni immer noch eng mit Wolfsburg verbunden fühlt, und Prof. Dr. Markus Brüderlin, als Leiter des Kunstmuseums international bekannt und in allen Medien präsent. In der Pause spielte der Musikschüler Christian Biskup am Klavier Stücke von Pietro Mascagni und von Ludolf Nielsen.

„Die Voraussetzung für verantwortliches Handeln ist der freie Wille“, begann Prof. Zimmerli seine Ausführungen. „Aber haben wir einen freien Willen? In der Neurobio-logie wird er gerade abgeschafft“, fuhr er fort und erläuterte, dass die Willensfreiheit schon in der Antike ein Ärgernis war, denn sie erforderte, Rechenschaft abzulegen über die Folgen des eigenen Tuns. Eine unbequeme Konsequenz des freien Willens ist nämlich die Schuldfähigkeit. Im antiken Rom waren Kunst und Technik noch identisch. Die Begriffe „techne“ und „ars“ galten jeweils für beide Kategorien.

Heute fragt die Neurobiologie mit nach dem Zusammenhang von neuronalen und geistigen Prozessen. Mit ihren Messmethoden ermittelt sie eine Kausalität, die von den Neuronen ausgeht und auf den Geist zielt. Neurobiologen wie Gerhard Roth und Wolf Singer verkünden ihre Überzeugung, dass die Willensakte den neuronalen Akten nachgeordnet sind. Sie seien nur ein Effekt der Neuronen, die es uns im Nachhinein so erscheinen lassen, als hätten wir die Handlung willentlich durchgeführt. Danach wäre der freie Wille nur ein Epiphänomen und eine neuronale Illusion. Der Glaube daran brachte einen evolutionären Vorteil gegenüber seiner Leugnung. Doch führten sich die Gehirnforscher mit dieser Beweisführung selbst ad absurdum, konstatiert Zimmerli, und der neurobiologische Angriff auf die Metaphysik endet bei der alten Frage „Glauben oder Wissen?“

Nach Schleiermacher resultieren Glaube und Religion aus dem Gefühl der Abhängigkeit. Autonomie bedeutet dagegen Selbstgesetzgebung. In diesem Sinne ist Freiheit nicht Willkür, sonder das Befolgen von selbst gesetzten Regeln. Autonomie führt zu der Autorität, zwischen guten und schlechten Optionen unterscheiden zu können. Verantwortung bedeutet, nach den Folgen zu fragen. Dagegen steht die Gesinnung, die den Erfolg Gott anheim stellt (Kant). Verantwortung fragt nach dem Wer, Wofür und Wem-gegenüber. Verantwortlich ist man mit seinem Vermögen, Ruf und Leben. Wer sich auf Institutionen beruft, drückt sich vor der Verantwortung, denn letztlich ist immer das Individuum selbst verantwortlich für seine Handlungen. Sartre erkannte: Da alles mit allem zusammenhängt, ist jeder für alles verantwortlich.

Auch in der Technik muss das Individuum für die Folgen eintreten, die es verursacht hat. Da man aber im technischen Handeln niemals alle Folgen kennen kann, darf man keine Prozesse in Gang bringen, deren Auswirkungen nicht erforscht sind. Man darf auch nie aufgrund von Kosten-Nutzen-Erwägungen auf Sicherheitsvorkehrungen verzichten. Gerade im Bereich der Kernenergie wurde deutlich, dass die Folgen erheblich teurer werden können als vernünftiges Handeln von Anfang an. „Warum lernen wir nicht aus unseren Fehlern und tragen nicht die Konsequenzen aus den vergangenen Unfällen?“ fragt Zimmerli und vermutet: „Irgendwie ertragen wir den Gedanken an die Atomgefahren nicht. Weil wir die Hoffnung brauchen, reagieren wir nicht auf die Prognosen. Oder wir haben alle das Kassandra-Bedürfnis nach der kulturpessimistischen Aussage, es gehe sowieso alles den Bach herunter.“

Friede ist die Übereinstimmung der Handlungen mit dem Gewissen. Der innere Friede ist die Voraussetzung für den äußeren Frieden. Der Friede ist aber heute auch ei-ne Angelegenheit der Technik und ergibt sich aus dem Umgang mit den Ressourcen. Inzwischen kristallisiert sich eine neue Herausforderung heraus: Die Abwägung von Arbeitsplätzen versus heiler Umwelt. Wo wird heute der Wert der Arbeit angesiedelt? Der menschliche Anteil an der produzierenden Arbeit sinkt deutlich. Kann die vollautomatisierte Produktion eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Frieden sein? Ist ein Arbeitsfriede ohne Arbeit möglich? Es wäre verantwortungslos, die sich anbahnende arbeitslose Gesellschaft nicht zu berücksichtigen. Doch je technologischer die Prozesse ablaufen, desto undurchsichtiger sind ihre Folgen, das gilt besonders für Finanzprozesse. Friede den Menschen, die an die Folgen einer zunehmenden Technologisierung denken! wünscht sich Zimmerli zum Schluss.

Prof. Brüderlin sucht die Allverbundenheit in der ästhetischen Praxis. Die Kunst forscht seit langem nach einem kollektiven Unbewussten, erläutert er. Künstler suchen eine geeignete Sprache, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Was ist zwischen der Materie, zwischen den Menschen und den Objekten? Rilke spricht von einem unendlich ausgedehnten Innenbereich. Für ihn ist Geist der eigentliche Raum der Verbundenheit. Die ganzheitliche Vorstellung ging jedoch im Jahr 1925 verloren, als beispielsweise das Bauhaus nach Weimar zog und Rudolf Steiner starb. Um diese Verbindung wieder herzustellen, setzt Brüderlin auf Entschleunigung.

Wir leben in einem Zeitalter der Reizüberflutung und der rasenden Mobilität. Wenn man allerdings die vielen Staus berücksichtigt, steht das Auto eher für die Paradoxie des rasenden Stillstands, meint er ironisch. „Ich weiß zwar nicht, wohin ich will, aber ich will schneller dort sein“, bringt er den Zeitgeist auf den Punkt. In der Arbeitswelt kann man den Rhythmus nicht selbst bestimmen, er ist vorgegeben. Die Beschleuni-gung der Kommunikation ist ein Bedürfnis geworden. Für Teenager spielt das Handy eine entscheidende Rolle in der Pflege von Freundschaften. Wer nicht ständig an das Netz angeschlossen ist, ist ausgeschlossen. Wird da das Gehirn richtig kolonialisiert? fragt sich der Kunstvermittler.

Die Ökonomisierung durchdringt alle Lebensbereiche und setzt uns dem Entscheidungsstress aus. Dabei wäre Konsumverzicht eine effektive Art der Entschleunigung. Im Gegensatz zum realen Vorbild hat der Schriftsteller Sten Nadolny die Langsamkeit wieder entdeckt als einer Art Beharrlichkeit bei durchaus modernen Idealen. Das ist kein Plädoyer für den Konservativismus, sondern richtet sich gegen die Fremdbestimmung durch Technik. Langsamkeit bedeutet in diesem Sinne nicht Trägheit oder Müßiggang, sondern wir müssen entschleunigen, um weiter zu kommen. Es gebe auch eine Avantgarde der Langsamkeit, sagt Brüderlin. Sogar die Werbung hat das Abschalten und die Auszeit wieder entdeckt. Allerdings seien Be- und Entschleunigung nur zusammen zu denken und müssten dialektisch behandelt werden.

Sein ist in der Ruhe und in der Bewegung. Heute werden Schlüsselbegriffe wie Intuition, Empathie und Emotionalität ernst genommen und wissenschaftlich erforscht. In der Kunst ist die Langsamkeit der Beachtung gemeint. Für die Kunstwahrnehmung ist Kontemplation erforderlich, um komplexe Zusammenhänge zu erkennen. Man kann vieles über Bilder besser wahrnehmen als über Formeln. Die Japanausstellung des Kunstmuseums thematisiert z.B. die Leere, die in Asien eine erfüllte ist. In Bauhaus und im Teehaus wurden viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Die Moderne wurde immer mit Beschleunigung assoziiert. Sie enthält aber auch die Entschleunigung, wie z.B. im Reduktionismus deutlich wird oder in den Stillleben und windstillen Stadtlandschaften des Giorgio de Chirico, mit denen er den Surrealismus vorwegnahm.

Statische Bilder sind entschleunigte Sonderfälle. Kinetische Kunst besteht aus Installationen, die sich langsam drehen. Auch die Videokunst setzt zunehmend auf langsame Filme, in denen die Bewegung statisch wird. So wurde Hitchcocks Film „Psycho“ auf 24 Stunden ausgedehnt. Umgekehrt gibt es auch Versuche, ein Bild in Bewegung zu setzen (Circulis). Im Neoplastizismus repräsentiert Piet Mondrian den Stil der Moderne und zeigt, dass Dynamik ohne Stabilität nicht möglich ist. Diese moderne Form der Allverbundenheit entspricht auch der plastischen Struktur des Gehirns, dessen physiologische Verdrahtung nur durch Meditation änderbar ist.

Kubricks „2001 – Odyssee im Weltall“ (1968) war ein Manifest für die visuelle Entschleunigung dramatischer Szenen. Im gleichen Jahr wurden auch in der Politik die Grenzen des Wachstums deutlich in Form der Ölkrise. Wirtschaft wächst nicht, sondern wuchert wie ein Krebsgeschwür, meint der Museumsdirektor. Dahinter steht das Motto: „Ich wachse schneller als ihr.“ Finanzmärkte wuchern ebenfalls, und durch die Internet-Beschleunigung entstehen entfesselte Turbo-Finanzkrisen. In diesem Tempo kann man weder produzieren noch konsumieren.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei erinnert in seinem Werk „Die Reisschüssel“ daran, dass jedem Einwohner seine angemessene Ration an Nahrungsmitteln garantiert werden sollte. Heute haben viele Menschen gar keine Schüssel mehr, müssen aber trotzdem überleben. Ai Weiwei ersetzte die Reiskörner durch Süßwasserperlen und die eiserne Schüssel durch Porzellan als Symbole für die veränderte chinesische Gesellschaft mit ihrer Leidenschaft für materiellen Reichtum und die Verletzlichkeit der Wirtschaftsblase. Die Chinesen haben sich den westlichen Lebensgewohnheiten und Kapitalmärkten schnell angepasst, ihr Konsumwille steigt exponential, und die Bedürfnisse explodieren. Nicht mehr die Partei, sondern das Geld regiert in China. Freiheit und Demokratie sind abstrakte Begriffe für die Chinesen. Darf man ihnen unsere Werte aufzwingen? Brüderlin plädiert dafür, denn der Weltfriede steht auf dem Spiel. Bisher hat noch keine Demokratie eine andere Demokratie angegriffen, sagt er. Diese These gilt es zu verifizieren.

Birgit Sonnek 19.05.11

Foto: Gerd Sonnek





Literatur in Detmerode: Lesung zum 100. Geburtstag von Max Frisch

26 05 2011

Zur Mai-Veranstaltung der Reihe „Literatur in Detmerode“ laden der Detmeroder Kulturkreis e. V. und das Bildungszentrum Wolfsburger Volkshochschule ein. Am Mittwoch, 18. Mai, um 15:00 Uhr liest Reinhard Altenberg in der Stadtteilbibliothek, Detmeroder Markt 4.
Der Eintritt beträgt 1,50 €.

Der Schweizer Autor Max Frisch wäre am 15. Mai 100 Jahre alt geworden. Im Jahr 1991 ist er kurz vor seinem 80. Geburtstag gestorben. Besonders bekannt wurden seine Romane „Stiller“, „Homo Faber“ und „Montauk“ sowie seine Theaterstücke „Biedermann und die Brandstifter“ und „Andorra“. Wichtig geworden sind für viele Leserinnen und Leser aber auch seine Tagebücher. Vornehmlich aus diesen hat Reinhard Altenberg die Texte für seine Lesung gewählt, weil sie – inhaltlich und ästhetisch unverbraucht – als geschlossene Zusammenhänge ohne lange Erklärungen ihre Wirkung entfalten können.





Konsolenspielspaß in der Stadtbibliothek Bundesweiter Aktionstag „Kultur gut stärken“

26 05 2011

Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben am Samstag, 21. Mai in der Zeit von 10 bis 14 Uhr in der Zentralbibliothek im Aaltohaus (Porschestr. 51) die Möglichkeit, Spiele für Playstation 2, WII, Xbox und PSP auszuprobieren.

Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des bundesweiten Aktionstages „Kultur gut stärken“ http://kulturstimmen.de/

Information: Uwe Nüstedt, Tel. 05361. 28-2857

Der Eintritt ist frei





Fahrbibliothek bei den “Luftsprüngen”

26 05 2011

Am 21. Mai ist die Fahrbibliothek bei den “Luftsprüngen” am Schillerteich mit Bastelangeboten vertreten.





Geist und Gehirn – Bericht vom 11. Mai: Die Evolution der Verbundenheit

26 05 2011

Bis auf den letzten Platz besetzt war der große Hörsaal im Alvar-Aalto-Kulturhaus, als am Mittwochabend die Evolution der Verbundenheit diskutiert wurde. In der Pause stellte Musikschüler Daniel Friedrichkeit seine Virtuosität am Klavier erneut unter Beweis. Die Massen waren hauptsächlich gekommen, um den berühmten Hirnforscher Gerald Hüther zu hören. Leider konnte der vielbeschäftigte Mann nur bis 21 Uhr bleiben, weil er zwischen Berlin und Amsterdam pendelte und seinen ICE erreichen musste. Deshalb wurde die Diskussion vorgezogen.

Das Publikum verfolgte jedoch andere Absichten und wollte keine Debatte erleben, sondern eigene Fragen an Prof. Hüther stellen. Nach einigen Zwischenrufen wurde diesem Wunsch stattgegeben, und der Neurobiologe beantwortete bereitwillig die an ihn gestellten Fragen, bis er unter anhaltendem Applaus das Podium verließ. Auch nach dem zweiten Vortrag von Prof. Eckart Voland setzte das Publikum seine In-tention durch, gleich selbst mit dem Referenten zu diskutieren. „Ich bin ja lernfähig“, erklärte Diskussionsleiter Prof. Meyer-Dohm und beschränkte sich auf das Vermitteln der Fragen.

„Gibt es ein einzelnes Gehirn?“ fragte Hirnforscher Gerald Hüther das Publikum und antwortete selbst: „Nein. Es kann nur im Verbund mit anderen existieren. In der Kindheit mussten andere uns erst zeigen, wie man es benutzt. Unsere genetischen Entwicklungsprogramme sind nicht entscheidend für unsere Persönlichkeit, sondern die Umgebung. Wer am Amazonas geboren wird, entwickelt eine völlig andere Persönlichkeit als ein Wolfsburger Kind. Nicht die Genetik ist ausschlaggebend, sondern die Verbundenheit.“

Leben ist Intentionalität
Im vergangenen Jahrhundert herrschte der Machbarkeitswahn, führt er weiter aus. Die Welt und ihre Wesen wurden objektiviert und instrumentalisiert. Aber die Objekte der Biologie sind tot. Das Wesentliche, ihre Lebendigkeit, ist auf dem Seziertisch ver-loren gegangen. Lebende Systeme organisieren sich selbst. Auch in der Erziehung gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder behandle ich das Kind als Objekt, das ich nach meinen Vorstellungen erziehe, oder ich stelle eine Beziehung zu ihm her und versuche, seine eigenen Potentiale herauszulocken.

Worin besteht eigentlich diese viel zitierte Selbstorganisation? Das Lebendige ist im Grunde Intentionalität. Alles, was lebt, will etwas. Vor allem will man stabil bleiben und versucht, den geistigen Besitzstand zu wahren. Aber in einer Welt, die fließt, ist das nicht möglich und widerspricht auch der Evolution. Wer im Strom stehen bleiben will, muss ständig rudern, das kostet Kraft und lässt sich irgendwann nicht mehr durchhalten. Das Dilemma alles Lebenden besteht im Bewahrenwollen und gleichzeitig Ändernmüssen.

Der Ursprung der Liebe
Ohne Verbundenheit kann niemand existieren. Im biologischen Bereich geht es um den Austausch von lebenswichtigen Stoffen. Jedes Pantoffeltierchen braucht etwas, das ihm fehlt und das ein anderes entwickelt hat. Das ist der Ursprung der Liebe. Im menschlichen Bereich geht es um die Verschmelzung des angereicherten Schatzes von Erfahrungen. Der Darwinismus behauptete, die Entwicklung vollziehe sich durch Wettbewerb. Das ist falsch, sagt Hüther, denn durch Konkurrenz werden nur Spezialisten erzeugt und Fachidioten hervorgebracht. Um sich in einer zunehmend komplexen Welt zurechtzufinden, muss man sich austauschen, und zwar in einem Wechselspiel von Autonomie und Verbundenheit.

Die Verschiedenheit der Geschlechter ist wichtig. In der konservativen Komponente besteht das Bewahren darin, Eier zu legen oder Kinder zu gebären und den Nachwuchs zu erhalten. Dagegen besteht die männliche Sexualität darin, alles auszuprobieren und schließlich ein Tor zu schießen (Gelächter, Zwischenapplaus). Wenn ein Kind geboren wird, hat es sich bereits neun Monate lang intrauterin entwickelt und sich in dieser Zeit organisiert. Sein Gehirn ist jetzt so flexibel, dass es in jeder Umwelt überleben kann.

Doch der erste Input kommt nicht von außen, sondern aus dem eigenen Körper. Nach der genetisch vorgegebenen Körperform konstituieren sich die Gehirnzellen. Da wir alle verschiedene körperliche Merkmale haben, besitzen wir auch verschiedene Gehirnstrukturen und begreifen die Welt völlig unterschiedlich. Erst die zweiten Erfahrungen sind sozialer Natur und finden nach der Geburt statt, wenn Gehirn und Persönlichkeit bereits konstituiert sind. Jetzt brauchen Kinder ein Be-ziehungsgefüge, denn in der Isolation sterben sie, wie Versuche in vergangenen Jahrhunderten gezeigt haben. Unser Gehirn ist ein soziales Konstrukt, keiner könnte ohne die Erfahrungen der anderen leben.

Verbundenheit und Wachstum
Im Mutterleib machen wir zwei wesentliche Erfahrungen: die der Verbundenheit und des Wachstums. Wir sind aufs Engste mit einer anderen Person verbunden und wachsen gleichzeitig. Diese beiden Sehnsüchte bleiben auch nach der Geburt bestehen: Wir brauchen Verbundenheit und Freiheit, Nähe und Autonomie. Aus dieser Sehnsucht ergibt sich die Intention, beides gleichzeitig zu wollen: dazugehören und autonom sein.

Wer geliebt werden will, opfert dafür alles, was er hat. Wer wachsen will sucht die Herausforderung und will lernen, aber wir schicken ihn in die Schule (Gelächter). Wenn die beiden Grundbedürfnisse nach Liebe und Wachstum nicht befriedigt werden, greifen die Mensche nach Ersatzbefriedigungen wie Fernsehen, Süßigkeiten, Computerspiele oder Machtausübung. Das ist nicht genetisch bedingt, ebenso wenig wie es ein Gen für Begriffsstutzigkeit gibt. Es ist das Produkt einer Um-welt, in der Kinder ihre Potenziale nicht entfalten können.

Wer hat eigentlich diese rücksichtslose Welt gemacht? fragt Hüther. Wir wollen sie doch gar nicht so, wie sie ist. Trotzdem verteidigen wir sie nach außen. Wir machen uns auf Kosten der anderen stark und grenzen sie aus, dabei sollten wir sie lieber so lassen, wie sie sind. Unglückliche Menschen verfallen der Manipulation durch Wirtschaft und Werbung, die ihnen jede Menge Ersatz anbieten. Aber wie können wir die Welt ändern? Wir brauchen eine neue Beziehungskultur, gibt uns der charismatische Gehirnphysiologe mit auf den Weg. Jeder wird gebraucht und sollte nach seinen Fähigkeiten dazu beitragen, die Welt lebenswert zu machen.

Soziale Intelligenz
„Was ist Intelligenz?“ fragte Eckart Voland und erläuterte, sie sei ein Überflussphänomen bei Primaten. Komischerweise entwickeln sie in Freiheit weniger davon als im Zoo, wo der Überlebenskampf entfällt. Dort können sie sehr geschickt mit Werkzeugen umgehen und komplizierte Mechanismen erfinden, um an ein gewünschtes Objekt zu kommen. Beim Werkzeuggebrauch muss man eine innere Projektion der Situation und eine genaue Zielvorstellung haben, das können Hunde und Katzen nicht.

Die sogenannte Machiavellische Intelligenz ist das Produkt von Konkurrenz und Kooperation. Wie die Menschen beherrschen auch Paviane schon die Methode des Ausbeutens und Austricksens von Gruppenmitgliedern. Dabei muss das wahrscheinliche Verhalten der anderen vorausgeahnt werden können. Häufig könne man auch Triebverzicht zugunsten eines späteren Gewinns beobachten sowie politisches Verhalten. Bei Primaten gebe es schon das gesicherte Drohen in Ge-genwart eines Alfamännchens, sowie Täuschung und Manipulation.

Aber auch lang andauernde Freundschaften und Versöhnungen nach Streitigkeiten kommen vor. Dazu benötigt man eine Vorstellung von den Intentionen der anderen und Zugang zu ihrem Erleben, also Empathie. Auch Selbsterkenntnis im Spiegel gibt es bei Affen, die z.B. Grimassen schneiden und sonst schwer ersichtliche Körperteile untersuchen. Aber Fremdverstehen ist wichtiger als Selbstverstehen. Das Selbstbewusstsein ist nur eine Nebenwirkung der sozialen Evolution.

„Können Affen auch Ethik entwickeln?“ kam eine Frage aus dem Publikum. Voland bejaht das, denn durch die Kooperation habe sich in evolutiven Prozessen eine Form von Moral entwickelt. Aber in Wahrheit sei das ein egoistisches Verhalten, denn „der wahre Egoist kooperiert“, erklärt der Biophilosoph. Die Verbundenheit ist auch in der Evolution wichtig, denn Hirne können nicht isoliert arbeiten. Die Verbindung werde seiner Meinung nach durch Neuronen hergestellt, die mit anderen kommunizieren.

Frage: „Gibt es eigentlich eine gesellschaftliche Weiterentwicklung? Kann sich außer der Technik auch die Ethik entwickeln?“ „Nein“, gibt Voland zu. „In der Evolution gibt es eine zwar Komplexitätszunahme, aber keine Höherentwicklung.“ „Wie hängen diese beiden Vorträge zusammen? Wo ist ihre Verbundenheit?“ wurde gefragt. Prof. Meyer-Dohm antwortete: „Die Verbundenheit kann verschiedene Inhalte zulassen. Man muss nicht gleich bewerten und Stellung beziehen, sondern kann beide Ansichten nebeneinander bestehen lassen und trotzdem Sinn darin erkennen.“

Birgit Sonnek 12.05.11

Foto: Gerd Sonnek